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Deutsche Behörden fordern Aufschub im Kältemittelstreit
Mercedes-Benz A-Klasse: Dem neuen Modell könnte im Extremfall der Entzug der Betriebserlaubnis drohen.
(Foto: Daimler)
Autor:
Matthias Krust
mkrust@craincom.de
Samstag, 05. Januar 2013, 09.00 Uhr
Um die Sicherheit des umstrittenen Kältemittels für Klimanalagen R1234yf nochmals überprüfen zu können, sollen Autohersteller eine Frist von sechs Monaten erhalten. Dies haben laut EU-Kreisen Vertreter deutscher Behörden vorgeschlagen.

Modelle mit R1234yf auf dem deutschen Markt
Laut ADAC wurden bis Dezember 2012 folgende Modelle mit R1234yf ausgeliefert: Hyundai i30, Kia Cee´d, Kia Optima, Mazda CX-5, Mercedes SL, Lexus GS, Subaru, XV, Subaru BRZ, Toyota GT86, Toyota Prius Plus.
Zwischenzeitlich kann der Hersteller die Fahrzeuge auf R134a umgestellt haben. Hintergrund: Aufgrund von Lieferschwierigkeiten der Chemiekonzerne Honeywell und DuPont hat die Europäische Kommission ein Moratorium der Klimadirektive erlassen. Bis zum 31. Dezember 2012 konnte R134a in Fahrzeugen verwendet werden, die für R1234yf homologiert wurden. Das betrifft auch die neue A- und B-Klasse von Mercedes, die mit dem neuen Kältemittel zertifiziert wurden.
Brüssel/Berlin/Stuttgart. Deutsche Behördenvertreter haben bei der EU auf einer Sitzung des zuständigen technischen Komitees mündlich für eine erneute Sicherheitsüberprüfung des umstrittenen Kältemittels R1234yf plädiert: Autohersteller, die eine weitere Risikoabschätzung vornehmen wollen, sollten auf Antrag dafür sechs Monate Zeit erhalten und von der Umsetzung der EU-Klimadirektive befreit werden. Dies erfuhr die Automobilwoche aus Kreisen der EU-Kommission. Auf Nachfrage teilte die Brüsseler Behörde mit, sie habe bislang keine förmliche Anfrage erhalten und könne somit dazu keine Stellung nehmen.
Daimler hat das neue, umweltfreundlichere Kältemittel R1234yf einem im eigenen Haus entwickelten Test unterzogen. Das sogenannte Real-Life-Prüfverfahren geht dem Unternehmen zufolge weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Dabei zeigte sich, das sich das bislang international als sicher eingestufte Mittel unter bestimmten Bedingungen entzünden kann. Es bestehe die Gefahr, eines Fahrzeugbrands, wobei hochgiftiger Fluorwasserstoff entstehen könne. Die Stuttgarter lehnen R1234yf deshalb ab und verwenden  weiter das alte Mittel R134a. Sowohl der Luxus-Sportwagen SL als auch die A- und B-Klasse sind mit dem neuen Klimamittel homologiert worden. Problem: Seit dem 1. Januar ist dieses Mittel aufgrund seiner hohen Klimaschädlichkeit in der EU verboten.
Damit stellt sich die Frage, wie der zuständige Kommissar, Antonio Tajani, von der Generaldirektion Industrie und Unternehmen die Sicherheitsbedenken und die EU-Klimagesetzgebung gegeneinander abwägt. In einer Sitzung des Technical Committee Motor Vehicle (TCMV) am 19. September, an dem gewöhnlich Beamte des Kraftfahrtbundesamts und des Bundesverkehrsministeriums teilnehmen, haben die deutschen Vertreter den oben genannten Vorschlag unterbreitet. Weder das KBA noch das Bundesverkehrsministerium waren auf Nachfrage für eine Stellungnahme zu erreichen.
Beide Behörden sind für die nationale Umsetzung der EU-Klimadirektive verantwortlich. Das KBA erteilt die so genannte Typengenehmigung für die Fahrzeuge. Umgekehrt kann es diese Genehmigung auch widerrufen, wenn die Fahrzeuge nicht den Vorschriften entsprechen. Dabei legen die Mitgliedsstaaten ihre Sanktionen selbst fest. Die EU fordert allerdings, dass diese "wirksam, verhältnismäßig und abschreckend" sein müssen.

ACEA gespalten
Die aktuelle Haltung der EU ist eindeutig: "Es ist tatsächlich so, dass der Großteil der anderen Autohersteller nicht diese Art der zentralen Sicherheitsbedenken hat, wie sie Daimler anführt." Vielmehr wiesen die Hersteller auf die absolute Sicherheit ihrer Fahrzeuge mit dem neuen Kältemittel hin. Nach Informationen der Automobilwoche sind es vor allem deutsche Autohersteller, die Sicherheitsbedenken haben, während die italienischen und französischen Branchenvertreter kein erhöhtes Sicherheitsrisiko sehen. Auch Ford und General Motors sollen Branchenkreisen zufolge an R1234yf festhalten wollen. Deshalb scheint es im europäischen Herstellerverband ACEA keine gemeinsame Haltung zu geben.
Dagegen bewertet der ADAC das Risiko nach dem Test von Daimler neu. "Wir sind vor einem halben Jahr noch davon ausgegangen, dass man mit einem entsprechenden Fahrzeugdesign das Brandrisiko durch das Kältemittel R1234yf beherrschen kann. Nun erkennen wir, dass in einer bestimmten Umgebung durchaus ein erhöhtes Risiko für einen Fahrzeugbrand gegeben ist", sagt Carsten Graf vom ADAC. Deshalb fordert die Lobbyvereinigung der deutschen Autofahrer diejenigen Fahrzeughersteller, die R1234yf verwenden, auf, ihre Sicherheitsprüfungen neu zu starten und mit einem öffentlichen Real-Life-Prüfverfahren die Brandsicherheit für jedes Fahrzeugmodell unter Beweis zu stellen. Grundsätzlich spricht sich der ADAC für die Weiterentwicklung von Klimaanlagen mit CO2 als Kältemittel aus. Auch VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech hat vor Kurzem für CO2 als das richtige Kältemittel plädiert.




 

 

Kältemittel-Lieferanten sehen kein neues Risiko
Die weltweit einzigen Lieferanten von R1234yf, Honeywell und DuPont, stellen den Test von Daimler in Frage: Daraus lasse sich nur ableiten, dass das Kältemittel schwach entflammbar sei. Mit einem entsprechenden Fahrzeugdesign lasse sich eine sichere und gute Lösung finden. In einem vor Kurzem veröffentlichten Zwischenbericht des weltweiten Verbands der Automobilingenieure (SAE) hat die Mehrheit der mit einer aktuellen Prüfung befassten Autohersteller keine Notwendigkeit gesehen, die Risikoeinschätzung zu ändern. Mit Ausnahme von Daimler habe kein Mitglied der Arbeitsgruppe Informationen eingebracht, die Sicherheitsbedenken aufwerfen würden, so die SAE. In der SAE-Arbeitsgruppe haben 13 Autohersteller mitgewirkt. Neben Daimler waren das Audi, BMW, Fiat/Chrysler, Ford, General Motors, Honda, Hyundai, Jaguar Land Rover, Mazda, PSA, Renault und Toyota.
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